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Artikel Popstandort Deutschland und das Karaoke - Prinzip |
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Popstandort Deutschland und das Karaoke - Prinzip
Artikel (Nr.171) wurde am 11.03.2007 veröffentlicht
www.poptickerpod.de
Popstandort Deutschland und das Karaoke - Prinzip: Neue Platten von Tokio Hotel, Kim Frank und Herbert Grönemeyer
Es müßte interessant sein, einen Menschen zu finden, der sich mit Freude sämtliche dieser drei Platten kauft und anhört: "Zimmer 483" von Tokio Hotel, "12" von Herbert Grönemeyer und "hellblau" von Kim Frank vier Platten nämlich, wie sie wohl unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber dennoch, und davon soll es hier gehen, zwei Gemeinsamkeiten haben: Sie sind erstens deutsch gesungen, und sie verneinen zweitens im Guten ein Prinzip, das deutsche Popmusik oft befällt: das Prinzip des Genre Karaokes.
Um diese These zu untermauern muß erst geklärt werden, was mit Genre - Karaoke gemeint ist. Zunächst dürfte hinlänglich bekannt sein, was klassisches Karaoke ist: Es ist dies das Nachsingen bekannter Lieder zu originalen oder nachgespielten Instrumentalversionen dieser Lieder. Karaoke hat einen ungeahnten Siegeszug als Selektionsprinzip in Castingshows erlebt, in denen Kandidaten zunächst Lieder im Sinne des klassischen Karaokes nachsingen, und danach läßt man die aus diesem Prozess gefilterten Sieger eine vorher fertig produzierte Platte karaokisch besingen. Dieses Modell ist exemplarisch für das Prinzip des Genre Karaoke: Ein bestimmter Popstil wird nachgestellt und mit eigenen Stimmen versehen. Eine der national erfolgreichsten, reinen Genre Karaoke Formationen ist Texas Lightning, die Hits aus vielen Jahrzehnten im Countrygewand darbieten, eine der international erfolgreichsten Genre Karaoke Platten der letzten Jahre war die Swingplatte "swing when you’re winning" von Robbie Williams. Wenn der Popticker nun also behauptet, daß die drei genannten Platten, um die es hier gehen soll, das Prinzip des Genre Karaokes verneinen, so ist damit also auch ganz banal gemeint, daß alle vier Interpreten einen Popstil verfolgen und pflegen, der tatsächlich aus ihrem künstlerischen und musikalischen Anspruch erwachsen ist und nicht aus einem anderen Genre assimiliert wurde.
Da mag der eine oder andere nun aufschreien und dem entgegen halten, daß die Teeniestars Tokio Hotel doch sicher ein musikindustrielles Produkt sind und in diesem Sinne nur eine zuvor am Reißbrett entworfene Idee karaokisch verkörpern. Aber das stimmt nicht. Was immer man von dieser Band, ihrer Musik und ihrem Erscheinungsbild halten mag, so muß man den vier Magdeburgern in jedem Falle zu Guten halten, daß sie tatsächlich Urheber dieser Musik und dieser Erscheinungsbilder sind. Die leicht trotzigen Beteuerungen vom Sänger Bill Kaulitz, er habe sich schon immer so gestylt, wie er auftritt, auch als Tokio Hotel noch nicht bekannt waren, sind durch Fotos bewiesen, und seine pubertär individualistische Weltsicht ist nicht das Ergebnis von irgendwelchen PR- Beratern, die die Band inzwischen freilich haben dürfte. Musikalisch gesehen hat sich bei Tokio Hotel nichts verändert, aber wer will das vier 17-Jährigen schon vorwerfen? Die Texte ziehen fast alle eine Grenze zwischen dem singenden Ich und der Außenwelt, und dieses Gefühl des Sich-in-derWelt-verloren-fühlens, das hier heraus spricht, kann man wohl eine Konstante in Jugendlyrik- und Literatur nennen, und für unzählige Mädchen und einige Jungen scheint Bill Kaulitz dieses Gefühl authentisch zu verkörpern. Die Musik ist weiterhin ein etwas düsterer, umstandslos produzierter Gitarrenrock, Kaulitz singt nicht mehr ganz so nenahaft wie beim Debutalbum, und Balladen wechseln sich mit relativ schnellen Nummern ab. Man fragt sich, wenn man sich das so anhört, schon, warum sich so viele über Tokio Hotel derart aufregen: Vier junge Männer machen Rockmusik, die viele junge Mädchen hören wollen das ist doch im Kern eigentlich erfreulich.
In einem von der Zeitschrift "Tempo" initiierten Gespräch zwischen Tokio Hotel und Herbert Grönemeyer war kürzlich nachzulesen, daß die sich nichts zu sagen haben. Man erwies sich gegenseitig die Ehre und blieb sich sonst fremd, nun lösen sich die Platten der einander Fremden wohl an der Spitze der Albumcharts ab: "12" heißt die neue Platte von Herbert Grönemeyer, und sie wird aller Voraussicht nach dafür sorgen, daß Tokio Hotel in der kommenden Woche wohl auf Platz 2 verwiesen werden einen Effekt, den es zuvor auch schon in den Singlecharts mit den Liedern "über das Ende der Welt" und "Lied 1 ein Stück vom Himmel" gegeben hat.
"12" heißt Grönemeyers Platte, weil es seine zwölfte ist, und weil "12" Lieder darauf sind. Diese zwölf Lieder sieht Grönemeyer offenbar als eine Art Songzyklus, denn ihre Reihenfolge sind Teil der Titel der Lieder: Nach "Lied 1 ein Stück vom Himmel" kommt "Lied 2 Kopf hoch, tanzen" und so weiter. Unser Herbert ist nach wie vor der Meister lyrisch moralischer Einzeiler, wie wir das auch von seinen elf anderen Platten kennen: "Wann ist der Mann ein Mann?", "Der Mensch heißt Mensch, weil er erinnert, weil er fehlt", "Ich hab‘ Flugzeuge in meinem Bauch", "Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht, was sie tun", "Bochum, ich komm aus dir" oder "Biste richtig down, brauchste Wat zu kaun" bzw. halt: Der letzte Text, "Currywurst", ist vom inzwischen verstorbenen Fernsehschauspieler Dieter Krebs. Glaubt ihr nicht? Stimmt aber.
Aus besagten Einzeilern baut Grönemeyer seine Songtexte, indem er sie thematisch sortiert und sie so in Kontext setzt. Je loser, fast beliebiger er dies tut, desto mehr werden die Texte Pop, je konkreter Herbert dabei mit dem Thema wird, desto eher riskiert er dabei eine ganze spezielle Form von Grönemeyer - Kitsch. Und auf der neuen Platte ist ihm dieser Grönemeyer Kitsch ein wenig zu häufig unterlaufen. Das fängt schon mit "Lied 1 ein Stück vom Himmel" an, das in den vergangenen Wochen in den Feuilletons lang und breit interpretiert wurde. Das Lied prangert religiösen Fanatismus an, und mal abgesehen davon, daß Herbert hier Gott auf Boot reimt, vergreift er sich ein ums andere Mal im Ton und dichtet, was nicht mehr zu vertonen ist: "Religionen sind zu schonen, sie sind für die Moral gemacht" oder "die Bibel ist nicht zum Einigeln" sind nicht einmal mit dem typischen Herbert Duktus singbar. Richtig schlimm wird es in "Lied 5 flüsternde Zeit" eine Anklage gegen Politiker mit Zeilen wie die: "Das Volk muss den Karren ziehen, ihr habt uns nicht verdient" oder "Ihr drückt auf die Bremse, wir wollen die Wende" "Um Himmels Willen, Herbert!, möchte man da laut schreien: "Das funktioniert nicht!".
Aber das Risiko, in den Kitsch abzudriften, muß Grönemeyer eingehen. Wenn er es nicht einginge, hätte er so manches wunderbare Lied nicht geschrieben, und daß er es auch dieses Mal wieder riskiert, ist letztlich der Grund, warum "12" eine großartige Platte geworden ist. Dies sei hier, weil es so spät gesagt wurde, noch einmal wiederholt: "12" ist eine tolle Platte. Das beste Stück ist für mich "Kopf hoch, tanzen", eine wunderbar trockene, flach produzierte Pop Perle, die zu Beginn aus einem zotteligen Casio Synthieton einen prima Stampfbeat macht, mit Bassklarinetten überrascht und einige wunderbare Grönemeyer Einzeiler in Frageform enthält: "Was ist das Gegenteil von skeptisch, wieso ist Unsymetrisches pretentiös?" oder "Wo sitzt man zwischen den Stühlen und wieso immer ich?". Unvergleichlich auch das subtil blubbernde, gleichzeitig rockende "Spur", und daß Grönemeyer Liebeslieder schreiben kann, wie keine anderer, zeigt sich auch in einigen der 12 Lieder.
Grönemeyer rangiert mit erwähntem Risiko durchaus bewußt und souverän, indem er auf "12" sehr häufig mit ganzen Orchestersätzen, Streichern, Bläsern und so weiter arbeitet. Gleichzeitig waren hier wahre Soundmeister an den Reglern, die es verstehen, der Musik eine räumliche Komponente zu geben, in dem sich das Gehörte sortieren kann. Das gibt dem Klang der Platte eine Sattheit und Präsenz, eine Virtuosität, wie man sie eigentlich nicht im deutschen Pop sonst hören kann, und die zeitweise an David Byrnes Meisterk "uh oh" oder Peter Gabriels letzte Platte "up" erinnert.
An ähnlicher Opulenz war offenbar auch Kim Frank interessiert, der gleichsam mit bombastischen Streichern und großen Gefühlen hantieren will.
Kim Frank war in den 90ern Sänger der Band "Echt", und als dieser war er im gewissen Sinne der Bill Kaulitz der 90er. Rein demoskopisch dürften die Teenager, die früher "Echt" hörten, heute diejenigen sein, die nun Tokio Hotel hören würden. Obgleich die Lieder von "Echt" thematisch direkter funktionierten, sie handelten von Teenagerliebe, Lehrern oder dem ersten Sex. Kim Frank hat dann nach eigenem Bekunden sein Geld verkifft, steht nun ohne Geld aber mit Plattenvertrag da und hat rund zwei Jahre an seinem Solodebut "hellblau" gearbeitet, das nun erschienen ist. Und bei dieser Platte ist von allen in diesem Text hier erwähnten am unklarsten, wer sie kaufen wird. Musikalisch gesehen ist die Musik von Kim Frank ziemlich versierter, direkter und eingängiger Poprock, sehr gut gemacht, klar produziert und wirklich fantastisch gesungen, aber irgendwas fehlt dem Ganzen. Diese Musik bleibt ungefähr, und man findet keinen Weg, sich in sie einzuklinken. Möglicherweise liegt das auch an einem Phänomen, daß man mit Mitte Zwanzig seinen Popgeschmack meist völlig ändert, und daß Kim Frank in der bestimmten Unbestimmtheit seines eigenen Geschmackes irgendwie den Faden verloren hat, wo er nun hin will. Fest steht: Er will wo hin und er ist ein großartiger Sänger. Und man darf vermuten, daß diesem Kim Frank einmal tolle Musik gelingen wird.
Drei Platten also aus drei verschiedenen Generationen, die wahrscheinlich auch drei verschiedene Hörergenerationen ansprechen, und die in diesem Sinne zeigen, daß deutschsprachige Popmusik nicht immer von Karaokesängern gemacht ist.
Diesen Text hören? www.poptickerpod.de
Eine Produktion von Stimm und Truppi (www.stimmundtruppi.de) in Zusammenarbeit mit David Gieselmann (www.popticker.de).
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