Die Rolle der Religion in einer individualisierten Gesellschaft
Artikel (Nr.29) wurde am 22.07.2006 veröffentlicht
Glaube, Liebe, Hoffnung
Die Rolle der Religion in einer individualisierten Gesellschaft
Aller Anfang ist Dialog
Für Plato war er selbstverständlich, die Religionen müssen ihn für sich noch entdecken.
Die auf Harmonie bedachte bürgerliche Gesellschaft kennt für das gesellige Beisammensein zwei ungeschriebene Anstands- oder Verhaltensregeln: Man spricht nicht über Politik, und man spricht nicht über Religion. Geradezu unanständig ist, wer diese Tabus bricht. Wegen der gewöhnlich entstehenden Streitereien, welche die Stimmung verderben, soll man solche Gespräche bleiben lassen; jeder hat doch schließlich seine eigene Meinung, von der er sich um alles in der Welt sowieso nicht abzubringen lässt. Was soll dann das Gerede?
Es ist eigentlich schon merkwürdig: Was mit zum Wichtigsten gehört und wovon das Leben gerade in der heutigen Zeit abhängt – Diktaturen dürften das, was die Politik betrifft, genug beweisen – , darüber soll man schweigen. Eigenartig! Die Politik bestimmt die Rahmenbedingungen unseres Lebens, und die Religion hat es irgendwie mit der Sinnfrage zu tun, beides kann man doch nicht verdrängen. Gewiss sind Wahlen geheim, und die Religion ist eine Privatsache, aber trotzdem muss man unter vernünftigen Menschen über das uns doch elementar Betreffende reden können. Nun es wird auch darüber geredet, aber zunächst lässt man sich leider nur bereden, und zwar in unserem beliebtesten Medium.
Wie man über Politik redet, können wir mehrmals die Woche im Fernsehen erleben. Hier treffen die Vertreter der verschiedenen Parteien zusammen, jeder sagt ganz offen, bisweilen recht angriffslustig, seine Meinung, und dann weiß man, wo man dran ist. Wäre es nicht angebracht und unterhaltsam, wenn das Fernsehen wie in Talkshows mit politischen Repräsentanten, es auch mit offiziellen Vertretern der Kirchen und Religionen machen würde? Da lädt ein Moderator evangelische und katholische Bischöfe, einen hochrangigen Moslem und einen Oberrabbiner ein und stellt ihnen Fragen, so zum Beispiel zur Religionsfreiheit, zu den problematischen Menschenrechten, zur Stellung der Frau und zum Verhältnis der Religionen untereinander sowie zu ihrem jeweilig eigenen Selbstverständnis. Wäre der Moderator kundig genug, auch klug und geschickt, dann könnte er versuchen, alle Teilnehmer auch untereinander in ein Gespräch zu bringen. Das wäre doch mal interessant. So käme Leben in die Sache Religion. Eine solche Diskussion könnte sich vielleicht nicht nur zu Hause in gemütlicher Runde, sondern auch am nächsten Tag im Büro oder sonst wo unter Kollegen fortsetzen. Die Religion würde so vielleicht sogar zum Tagesgespräch. Soweit die Erinnerung reicht, haben wir das bisher noch nicht erlebt, dass man sich in dieser Weise über Inhalte der Religion, über das, was man eigentlich glaubt, öffentlich unterhalten hat. Man hat höchstens über gewisse Vertreter von Religionsgemeinschaften als Personen gestritten. Um Glaubensinhalte darzulegen, fehlen uns meist auch die Worte, weil die Sprache der Religion oft zu abgehoben ist und wir Religion nur in dieser Sprache – bei uns ist es die fromme Kirchensprache - kennen, was auch wiederum bezeichnend ist. Manche halten das für normal, und deshalb sollte sich ihre Sprache von der Alltagssprache abheben. Andere halten diese Trennung geradezu für schädlich. So hat jeder seine Meinung. Bemerkungen über die Langweiligkeit der Religion sind dann wohl nicht unberechtigt.
Öffentliche Diskussionen der beschriebenen Art zwischen prominenten Religionsvertretern gibt es nicht, was man bedauern oder befürworten kann. Deshalb ist es schwierig vorherzusagen, wie solche Gespräche tatsächlich verlaufen würden. Aber es gibt ja andere Erfahrungen mit Vertretern von Religionsinstitutionen, die bestimmte Schlüsse zulassen. Denn jeder kennt ja, zumindest aus den Medien, den einen oder anderen offiziellen Religionsvertreter als Person wie auch die von ihr vertretene Position. Keiner von ihnen glaubt und redet nur so vor sich hin im stillen Kämmerlein. Die oberen Zehntausend in der Kirche z.B. schlagen, wenn es um öffentliche Auftritte geht, jeden anderen, der vielleicht auch etwas zu sagen hätte, kraft ihres Amtes aus dem Feld. Von Repräsentanten kommt gewöhnlich nichts Neues, das Alte wird wiederholt, und so ist alles bestens bekannt. Dies trifft zu auf ziemlich alle, die für irgendetwas in der Öffentlichkeit stehen. Weshalb soll es in Religionen anders sein? Ausnahmen bestätigen die Regel. Deshalb jetzt die gewiss hypothetische Frage: Was würde uns in einer solchen Diskussionsrunde wohl präsentiert, was könnten wir erleben, und was wäre bei einer solchen Veranstaltung höchstwahrscheinlich das Ergebnis? Dieses konstruierte Beispiel wählen wir, weil es einen ersten Schatten auf die Situation der Religion in Deutschland und vielleicht sogar in ganz Westeuropa wirft. Nehmen wir einmal nicht das Schlimmste an, nämlich dass es zu einen Streit käme. Wir stellen uns vor, diese Herren – Damen wären sicher keine dabei, was auch bezeichnend ist – benähmen sich bei aller Festigkeit ihrer persönlichen Glaubensüberzeugung, aus der sie verständlicherweise kein Hehl machten, einigermaßen zivilisiert und zurückhaltend. Ohne Frage eine Vorstufe von Toleranz. Aber sicher würde – und das muss man sich klarmachen - ähnlich wie bei Politikerrunden im Fernsehen nicht ein Gespräch stattfinden, in dem aus Interesse gefragt wird, und eine Antwort Versuchscharakter hat oder die Teilnehmer nachdenklich würden. Es wäre ein Gewinn, wenn die Gesprächspartner gemeinsam mit dem anstehenden Problem ringen, eigene Schwächen eingestehen und die Stärken des andern anerkennen würden. Das anzunehmen grenzt ja schon ans Phantastische. Aber so käme es zu einem Erkenntnisprozess, sicher nicht nur auf einer Seite und zu einer vernünftigen auch die Zuschauer überzeugenden Annäherung. So entstünde ein Fortschritt, der Fernsehteilnehmer hellhörig machen würde. So käme man bei allen bleibenden Differenzen sogar zu Übereinstimmungen. Einen solchen Gesprächsverlauf kann man sich kaum vorstellen. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Dass wir uns nicht missverstehen. Es müsste nicht zu einer Art von Verbrüderung kommen, die alle Unterschiede verwischt und aus der Welt schafft. Ein Gespräch findet immer nur statt, wenn es Unterschiede gibt, wenigstens einen.
Die gesellschaftlich-kulturelle Vielfalt spiegelt sich in allen Gesprächen wieder, auch gerade dann, wenn es um die Religionen geht. Von einer Vielfalt müssen wir ausgehen, aber nicht, indem wir diese Tatsache bedauern, an ihr leiden, wie man es aus kirchlichen Kreisen immer wieder hört. Natürlich gibt es auch religiöse Ideologien, die dafür kämpfen, dass die ganze Welt wird, wie es ihnen vorschwebt. Im Gegensatz zu einem solchen Realitätsverlust fragen wir besser, wie gehen wir mit der Vielfalt um? Ein gutes Beispiel dürfte das Familienleben sein. Auch da gibt es Vielfalt: die Eltern, d.h. Mann und Frau, die Kinder, Mädchen und Jungen verschiedenen Alters. Sie alle müssen, wenn sie als Familie überleben wollen, sich vertragen. Das heißt nichts anderes, als dass sie miteinander vernünftig reden müssen, und zwar gerade dann, wenn Schwierigkeiten entstehen. Das Bild der Familie für die Religionen zu gebrauchen, dürfte nicht allzu weit hergeholt sein, ist aber dennoch wie ein Traum, denn die Wirklichkeit ist ganz anders, und darin liegt gerade die ganze Problematik. Das Verhältnis der Religionen zeigt wenig Geschwisterliches, und das von fast allen Seiten. Traurig, aber wahr! – Wenn wir das Ganze nicht so sehr geschwisterlich, familiär betrachten, sondern als Verhältnis internationaler, kultureller Institution, wo man sich offiziell zu Gesprächen trifft, dann ist gewiss bei nicht wenigen Teilnehmern die Bereitschaft vorhanden, aufeinander zuzugehen. Aber auch die Teilnehmer sind unübersehbar, die sich lieber aus dem Weg gehen, vielleicht sogar deshalb lieber erst gar nicht zu einem Treffen gekommen wären. Man kann auch folgendes beobachten, statt aufeinander zu hören, um sich gegenseitig zu verstehen - man könnte ja dabei vielleicht sogar etwas lernen - ,präsentiert man sich mit der ganzen Wucht seiner Überzeugung, was auf Nachdenkliche lächerlich wirkt. Man kann auch „das Heft an sich reißen“ ,d.h. die Initiative ergreifen nach der Devise „Angriff ist die beste Verteidigung“ und den Partner mit Kritik mundtot machen. Das ist eine ganz besondere Form von Glaubensüberzeugung und Bekennermut. Zeigt sich hier statt Stärke nicht vielleicht vielmehr Schwäche? Und wenn Bekennen heißt: Mag kommen, was will, alles hat so zu bleiben, wie es ist, denn, was gestern als wahr und richtig gegolten hat, kann heute nicht falsch sein, dann zeigt das nichts anderes als Sturheit. Es hat keinen Sinn, auf dieser Schiene weiter zu fahren. Stattdessen sollte man jeden, der so denkt, darauf hinweisen, dass lebendige Religionen schon immer in Wandlungsprozessen von Anfang an existierten und sich entwickelt haben, andernfalls wären sie gestorben, und wir hätten sie heute nicht.
Menschlich verständlich ist ein gewisser Geist der Immobilität, gerade heute, da wir uns in mehrfachen Krisen, in denen man gerne Halt sucht, befinden. Nur sollte man auf höherer Ebene - vorausgesetzt hatten wir ja ein Religionsgespräch von offiziellen Vertretern - nicht so „krisenanfällig“ vielmehr für Ungewohntes, Fremdes und für neue Erfordernisse aufgeschlossener sein. Leider benehmen sich gerade Religionsvertreter schon seit längerem - manche schon seit Beginn der modernen Zeit - als würden sie im Wagen, der in die Zukunft fährt, ständig auf der Bremse sitzen. Was Wunder, wenn dann nicht nur einzelne Amtsträger oder bestimmte konfessionelle Richtungen, sondern die „Religion“ überhaupt „alter Hut“ genannt werden, auch wenn das ein Fehlurteil ist.
Die Völker Europas standen bis in die Mitte des 2O. Jahrhunderts – vorausgesetzt, es herrschte Frieden – bedingt durch ihr nationalstaatliches Denken zueinander in einer
s t a t i- s c h e n Toleranz. Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich das politische und gesellschaftliche Leben zunehmend unter der Zielvorstellung der Einheit Europas. Das war der Weg zu einer d y n a m i s c h e n Toleranz. Das könnte vorbildhaft werden für die Konfessionen wie Religionen, denn beide haben wie keine andere gesellschaftliche Kraft die Fähigkeit, das Denken, Wollen, die Gesinnung und damit die ganze Lebensausrichtung der Menschen zu beeinflussen und somit zu ändern. Da die großen Religionen, wie ein Kulturhistoriker sagt, „in einem sehr realen Sinn die Grundlagen sind, auf denen Zivilisationen ruhen“, machen sie auch zumindest einen Teil dieser Spannungen aus. Deshalb ist es ihre Aufgabe, ohne Angst um Gesichtsverlust, sich miteinander zu verständigen, um dann gemeinsam Gespräche, die Schritte zum Frieden sind, einzuleiten. Die beiden politischen Machtblöcke haben ihre Spannungen abgebaut, nun sind die Religionen dran, sie haben das Potential und somit auch die Möglichkeit, und das in verschiedener Weise und auf verschiedenen Ebenen, die trennenden Gräben zuzuschütten und gemeinsam zu agieren. Dabei dürfte es keine Abstinenz der Religion vom Politischen geben, weil die Bereiche angeblich verschieden seien, wie z.B. die Gegner der Befreiungstheologie meinen. Das Prophetische der Bibel, in dessen Linie Jesus steht, war ein sozial-politisches Engagement, bisweilen sogar bis ins Tagesgeschehen.
Deshalb sind Begegnungen auf höherer und höchster Ebene nötig und wichtig, sie könnten viel bewirken. Aber leider geschieht zu wenig. Es herrscht bei den offiziellen Religionsvertretern neben Eigen- und Starrsinn, zu viel Angst, an Ansehen und Einfluss zu verlieren, und diesen Verlust nicht rechtfertigen zu können. Auch ist die Tradition ein schweres Gepäck, das man mit sich trägt . Erschwerend kommt hinzu, dass man sein Machtinteresse und Bestreben, die Bereiche, in denen man alleine das Sagen hat und auch weiterhin haben will, verteidigt. Dabei beruft man sich auf die Wahrheit, der man verpflichtet sei, und die ist bekanntlich unumstößlich. Es ist gewiss nicht leicht, in der Religion „oben“ zu stehen. Wer als Offizieller von den Besitzständen etwas aufgibt, gilt leicht als Verräter. So verhält es sich nun einmal in allen Gesellschaften, auf allen Ebenen und in allen Schichten.. Die Religionen bilden hier keine Ausnahme. Wer möchte da in die Geschichte eingehen als Verlierer? Wer jedoch in einer Auseinandersetzung letztlich siegt oder verliert, steht auf einem anderen Blatt. Das Lebensschicksal Jesu von Nazareth muss uns hier zu denken geben. Er hatte zunächst verloren. Aber was kam dann? Wer konnte das damals erwarten, was dann kam? Deshalb: man sollte schon über den Tellerrand blicken. Für die Religion und besonders für diejenigen, die sie vertreten, ist ein weiter Horizont nötig. Religion ist aber gerade heute kein „Verwahranstalt“ für liebgewordene Traditionen, sondern Hilfe zu heutiger Lebensgestaltung und Lebensbewältigung, wobei das, was gestaltet und bewältigt wird, nicht von der Religion als solcher erfunden wird. Das kommt ihr gleichsam von außen zu, aus der Breite des Lebens, das von vielem immer wieder verändert wird. Jede Zeit hat bekanntlich ihre jeweils eigenen Probleme, die sich aus der geschichtlichen Entwicklung ergeben und die niemand sich aussucht. Verschließt eine Religion davor die Augen und versucht gleichsam nur für sich selbst dazusein, sich selbst zu dienen, alles für die eigene Selbsterhaltung zu tun, dann sieht sie nicht mehr die Aufgaben, die ihr das Leben stellt. Wenn Religion die Lebensaufgaben und die jeweilige Problemlage nicht versteht, dann ist sie lebensfremd. Die Ablehnung dessen, was in die eigene, lebensfremde Vorstellung nicht passt, war und ist nicht immer harmlos, sondern hat bis heute schon zu allerlei Grausamkeiten geführt. Das ist dann die Perversion der Religion.
In ein einem blinden Gottglauben ging man sogar schon über Leichen. Was religiöse Blindheit heißt, kann man sich in diesem Zusammenhang gut verdeutlichen. Blindheit ist das, was einen Teil des Fanatismus ausmacht. Der Fanatiker hat einen beschränkten Blick und sieht deshalb alles einseitig. Einmal hat er einen verengten Scheuklappenblick, und dann verfolgt er seine Ziele rücksichtslos. Und das ist somit todbringend. Nun wollen aber alle Religionen von Hause aus mit ihren Geboten dem Leben dienen. Mit diesem Kriterium kann man beurteilen, was Religion ist und was nicht. Das Lebensdienliche und die Mitmenschlichkeit sind für alle Religionen und Überzeugungen der Lackmustest für ihre Echtheit. Gott ist ernst zu nehmen, aber nicht todernst, sodass man in seinem Namen tötet. Alle Religionen haben hohe Ziele, sie bewegen sich leider auch in Niederrungen. Hier geschieht dann gewöhnlich ein Vertauschen von Vorletztem mit Letztem. Vorletztes darf nie Letztes werden. Gewiss geht es jeder Religion um eine letzte Wirklichkeit. Und das Vorletzte hat dann nur Wegcharakter, es sind vielfach Bräuche und Gewohnheiten, die sich sowieso ändern. Wichtiger ist dabei die andere, die eigentliche Seite jeder Religion, das Zwischenmenschliche. Das darf nie geopfert werden. Kommt es dennoch dazu, dann zeigt die Religion ihre Entstellung, ihre schreckliche Schattenseite, ihr Unwesen.
Nichts auf der Welt ist nur gut oder hervorragend und ideal. Alles Schöne und Gute kann ins Gegenteil pervertiert und verunstaltet werden. Aus einer Demokratie wird dann eine „Demokratur“, aus Musik atonale Umweltverschmutzung, aus Liebe ein billig schnulziges Gefühl und aus Kunst Kitsch. Was aus Religion schon geworden ist, wissen wir aus der Geschichte. Im dreizehnten Jahrhundert wollte man , wie man glaubte, Irrende argumentativ in einer Überzeugungspredigt wieder zur “Vernunft“ bringen. Das war das Ziel. Und was kam? Die Inquisition. Aus der Wallfahrt ins heilige Land wurden die Kreuzzüge mit Zerstörung, Mord und Totschlag. Das Gottesgnadentum, die Verbindung von Thron und Altar, die heiligen Kriege, die christlichen Parteien haben nichts zu tun mit den eigentlichen Zielen der Religion, weder früher noch heute. Im Geschäftsleben nennt man das Etikettenschwindel. Hinter dem, was man mit dem Wort Religion, mit christlich oder moslemisch „verkauft“, steckt nur allzu leicht ein Eigeninteresse oder Machtanspruch. Worum es in den Religionen eigentlich gehen müsste, sind Zielsetzungen, die weiterführen wollen über den jeweiligen Zustand hinaus, einfach zu mehr, was ein einzelner Mensch oder auch eine ganze Gesellschaft jetzt ist. Fast könnte man das Ziel der Religion mit „Mehrwert“ bezeichnen, wenn dieser Begriff nicht schon ökonomisch besetzt wäre.
Die Religionen sind auf das allgemein Menschliche, das in Grundanliegen und Fragen der Existenz über den Tag hinaus besteht, hingeordnet, und das in größtmöglicher Offenheit, die als solche immer nach vorne, ziel- und zukunftsgerichtet ist. Was so allgemein und offen ist, kann nicht einem bestimmten Einzelzweck, der immer einseitig ist, dienen. Denn dies bedeutete ja Verengung, die sogar zur Entartung führen kann. Selbstmordattentäter mit dem Bekenntnis „ Allah ist groß“ auf den Lippen haben ein völlig perverses Denken. Sie sind manipuliert, fehlgeleitet auf politische Ziele hin. So ist ihnen das normale Denken abhanden gekommen.
Wird die Rolle der Religion in der heutigen Gesellschaft beschrieben, dann sind besonders die Kirchen- und Religionsführer geneigt, das Positive, die unbezweifelbar vorhandenen Leistungen ihrer Religion oder Glaubensgemeinschaft hervorzuheben. Im westlich-christlichen Raum beruft man sich dann gerne auf die sogenannten christlichen Werte. Ist Glaube als Gottvertrauen, das Streben nach einer sozial besseren Welt bis zur nationalen wie internationalen Arbeit für den Frieden in der Welt, die Hilfe nach Katastrophen und Schaffung einer global gerechteren Wirtschaftsordnung – alles typisch für ein im Westen verbreitetes Verständnis biblischen Glaubens – ein Wert? Soll man das, worum es hier geht, nicht besser als Ziel, meinetwegen als Gebot der Stunde, das es mit viel Anstrengung erst zu erfüllen gilt, beschreiben?. Das biblische Glaubens- und Existenzverständnis ist eine Herausforderung, es bezieht sich auf das, was mit „Reich Gottes“ ausgedrückt wird und zukunftsorientiert ist. Werte beziehen sich auf ein Haben, meinen einen Besitzstand, man beruft sich auf Errungenes, das man verteidigen will. Weltanschauungen und Religionen berufen sich heutzutage gerne auf solche „Werte“. Diese stehen dann nicht zur Disposition . Dann ist man wenig geneigt mit sich reden zu lassen über das, was man vielleicht gemeinsam tun könnte oder sogar nur gemeinsam tun kann. Werte verleiten dazu, zurückzuschauen auf das, was man hat und behalten will. So gibt es keine Zukunftsorientierung. Die biblische Religion wie im Grunde alle Religionen haben primär eine Aufgabe, fordern heraus durch ein Sollen. Wir handeln oder tun immer etwas. Es geht dabei um die Art und Weise, wie wir handeln .Da ist es nicht gleichgültig, wie wir gestimmt oder motiviert sind. Die Religion soll das Zupacken optimieren. Die Diskussionen um Werte vermitteln nur allzu sehr folgendes Bild: Es begegnen sich zwei Menschen; jeder trägt in beiden Händen eine Tasche mit seinen Habseligkeiten, von denen er nichts hergeben will. Sie werden sich nie die Hand geben können, noch wird es zu einem Austausch kommen. Gehen sie dann miteinander in ein und dieselbe Richtung – so die Schlussfolgerung aus dem Bild - , dann haben wir die Parallelgesellschaften. Beide müssen ihre Taschen öffnen und miteinander reden, was sie auf ihrem gemeinsamen Weg mitnehmen wollen und zurücklassen müssen.
Im westlichen Religionsverständnis ist die Sache der Religion mehr oder weniger die Sache ihrer Funktionäre. Das passt nicht mehr in unsere Zeit, die republikanisch und demokratisch sein und handeln will. In diesem Zusammenhang ist es erlaubt, auf das hinzuweisen, was der Begriff „res publica“ beinhaltet: Worum es darin geht, ist die Sache aller. So ähnlich soll sich auch die Religion begreifen, besonders bei uns. Auf diesem Weg wird dann das Religions -verständnis als Herausforderung zum Eintreten „für eine bessere Welt“ nach und nach zu einer Sache aller. Hierarchien aller Art sind dann unangebracht. Es kann nur noch Funktionsträger geben, die bei Versagen jederzeit abrufbar sind. Wie die Politik nicht nur den Politkern überlassen werden darf - deshalb gibt es Wahlen - , so sollte auch die Religion, wenn sie lebendig und den jeweiligen Herausforderungen gewachsen sein soll, nicht einfach den Oberen Zehntausend einer Kirche oder Religion überlassen werden. Hier geht es um das Prinzip, wie man es konkret macht, ist eine andere Frage.
Dass Weltanschauung, Religion und Theologie ähnlich wie auch Naturwissenschaft oder Geschichte nicht einfach nur mehr den Fachleuten überlassen wird, darin hat sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein Wandeln vollzogen. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, wie Fragen der Religion und Theologie nach einer langen Periode des Schweigens - man kann auch sagen, einer Stagnation des Denkens - seit einem allgemeinen Aufbruch in den sechziger Jahren zu einem besonderen Gegenstand des Interesses geworden sind. Das will beachtet sein, wenn es um die Religion heute geht. Auch daran erkennen wir, dass Religion oder Weltanschauung viele angeht, und zwar nicht einfach nur oberflächlich. Was mit der römischen „res publica“ gemeint ist, betrifft heute die Breite des Kulturell-Geistigen und schließt Religion mit ein. So wurden und werden Veröffentlichungen zu Fragen der Religion und Theologie zu Bestsellern. Die Entwicklung geht aber noch einen Schritt weiter, und zwar nicht nur auf populärwissenschaftlicher – was sehr beachtenswert ist - , sondern auch auf streng wissenschaftlicher Ebene. Historiker, Soziologen, Philosophen, wie auch Naturwissenschaftler erörtern schriftlich und mündlich Fragen der Weltanschauung und Religion . Ja man kann sagen: Die „Verächter der Religion“ , so ehedem Schleiermacher, beherrschen nicht mehr das Feld.
In diesem Klima des allgemeinen Interesses an Religion konnten mehrere Rundfunkanstalten 1983 ein Funkkolleg RELIGION senden. Es war kein Unternehmen der Kirchen. Manche kirchliche Kreise hatten sogar Vorbehalte. Das allgemeine Interesse und Bemühen um weltanschaulicher Orientierung hat nach dem Zweiten Weltkrieg auch zuerst die evangelischen und dann die katholischen Akademien entstehen lassen. Eine Neuheit im kirchlichen Leben Deutschlands, die nicht geringen Einfluss auf Gesellschaft und Politik hatte. Zu erwähnen ist hier die Initiative zur Ostpolitik, die von der Akademiearbeit ausging.. Die intellektuelle Auseinandersetzung der Kirchen mit den Zeitströmungen wie auch ihre sehr breit angelegten sozialen Tätigkeiten haben nachhaltig wie langfristig gewirkt. Sie haben mit dem „Strohfeuer“ der Weltjugendtage sowie mit päpstlichen Trauer- und „Siegesfeiern“ nach einer Papstwahl nur wenig gemein. Wenn es um Großveranstaltungen geht, muss man zur Kenntnis nehmen, dass Kirchentage schon einen anderen Charakter wie eine andere Wirkung haben als die erwähnten Medienspektakel, deren Bedeutung von Journalisten leicht überschätzt wird. Wahrscheinlich dürften die evangelischen wie katholischen und nicht zu vergessen auch die alternativen Kirchentage dem, was der heutige Mensch in der Religion sucht, mehr entsprechen. Der Mensch von heute möchte in seinem Glaubensverständnis erfahren , dass er weder vordergründig noch im Allerletzten allein ist. Einmal möchte er sich geborgen wissen im Kollektiv, was sicher bei den päpstlichen Veranstaltungen erfahren wird. Darüber hinaus suchen heutige Menschen in der Religion aber auch das, was das Persönlich-Individuelle betrifft. Und das dürfte höchstwahrscheinlich das Eigentlich sein. Es ist die Glaubenserfahrung oder das, worin sich Glaube emotional ausdrückt. Darin ist eingeschlossen die Besinnung, die Innerlichkeit. So wird eine tiefe Glaubensgewissheit erlebt. Dadurch entsteht ein Vertrauen auf Gott wie auch in die Welt, wodurch man für sich selbst Halt und Zuversicht gewinnt, um in den Wechselfällen des Lebens bestehen zu können.
Trotz und vielleicht gerade wegen aller Ausgerichtetheit auf das Diesseits haben heutige Menschen eine große Sehnsucht nach Transzendenz. Weshalb hören viele, auch und gerade junge Menschen so gerne Bach? Und weshalb hört man auch so gerne Mozart? Was ist das für eine heimliche Sehnsucht? Der Theologe Karl Barth sagte einmal in seiner humorvollen Art, wenn die Engel für uns musizieren, dann spielen sie Bach, aber unter sich spielen sie Mozart. Gewiss darf man hier schmunzeln. Nach längerem Nachdenken könnten sich einem Besinnlichen tiefere Bezüge offenbaren.
Den eigentlich religiösen Anliegen kommen die kath. wie ev. Kirchentage mehr entgegen als päpstliche Medienspektakel, bei denen es zu sehr um Show geht,. Auf den Kirchentagen wird meditiert, diskutiert, Gruppenarbeit findet statt; Gottesdienste in größeren und kleineren Gruppen mit entsprechenden Predigten werden gehalten. Wir alle kennen die Podiumsdiskussionen mit Politikern, unbequemen Theologen oder Journalisten zu Zeitfragen persönlicher wie gesamtgesellschaftlicher Art. Dabei geht es nicht um Angestaubtes aus der kirchlichen Mottenkiste, sondern um das die Menschen wirklich Bewegende. Hier machen die Kirchen nicht den Eindruck des Antiquierten, auch wenn die „alte“ Bibel gelesen wird.
Da Kirchentage Veranstaltungen von Institutionen sind, könnte man meinen, es ginge um die Kirche als solche. Hier geht es aber vornehmlich um den Einzelnen, der heute ruhig im Vordergrund des kirchlichen Lebens und der Aufmerksamkeit stehen darf. Bei aller kirchlichen Gemeinschaft ist es ja doch auch so, dass jeder ganz persönlich glaubt, er nur sein Gewissen hat. Es gibt kein Gesamtgewissen, so wie es ja auch keine Kollektivschuld gibt. Die Verantwortung, die jeder hat, die hat er für sich, und die kann ihm niemand abnehmen. Wie jeder nur für sich Rechenschaft ablegen kann, und vor allem, wie er sich zu seiner Umgebung verhält, da ist jeder auch trotz aller guten Ratschläge allein. Er allein muss wissen, welches Medikament gebe ich einem Todkranken und welche medizinische Maßnahme ist nur scheinbar human. Gewiss trägt eine Gemeinschaft, wir sind immer ein Teil von ihr und deshalb auch im Denken und Fühlen von ihr bestimmt. Dennoch sind wir im Letzten allein vor unserem Gewissen und vor Gott. Jeder darf sagen i c h und m e i n Gott , den Jesus unseren Vater nannte.
Das Individuelle in der Religion kann man auch noch anders sehen. Wo es um Masse geht - auch religiöse Menschenansammlungen sind Masse - , darf man nach allen Erfahrungen,. die wir nun schon seit mehr als hundert Jahren machen konnten, etwas skeptisch sein. Wer sich seine kritische Sicht nicht abgewöhnt hat, dem wird es nicht allzu schwer fallen, zu erkennen, dass bei einer Massenveranstaltung das Erleben von Masse Mensch umgekehrt proportional zum Denken steht. Zur abendländischen Geschichte der Religion gehört nun aber auch das Denken, sonst gäbe es keine Theologie. Gäbe es nur die Begeisterung und das Gefühl, für das sich jederzeit leicht ein Bekenntnis findet, dann hätten wir die „Theomanie“. Da den christlichen Kirchen wegen ihrer Opposition gegenüber den modernen Wissenschaften und der Aufklärung der Neuzeit der Geruch des Zurückgebliebenseins und des etwas Dümmlichen anhaftet, sollten wir allem gegenüber, was nicht viel Geist zeigt, uns skeptisch und distanziert verhalten vor allem, weil der Schritt zur Manipulation und Unfreiheit dann auch nicht mehr weit ist. Das Denken ,der Verstand und der Geist, der bekanntlich weht, wie und wo er will, muss neben allem, bei dem man sich gefühlsmäßig ergehen kann, eine gleichrangige Rolle spielen, andernfalls werden Menschen, vor lauter frommer Begeisterung, leicht kindlich Und das wirkt peinlich..
Wie zu einer Regierung die Opposition gehört, so zum Gefühl der Verstand, zur Religion die Theologie, zum Glauben das Denken und zur Begeisterung die Überlegung. Mut muss man haben, den eigenen Verstand zu gebrauchen, und das auf allen Gebieten des Lebens. Deshalb darf es in der Religion auch keine künstlich errichtete Grenze des Denkens mehr geben. Es gibt nur solche, die unsere Endlichkeit setzt. Künstliche Grenzen sind immer nur Hindernisse, die eines Tages fallen wie die Berliner Mauer , und dann schämt man sich, dass es so etwas gegeben hat. Siehe „Der Fall Galilei“, der hier für viele andere stehen soll. Deshalb dürften unangenehme Kirchenkritiker in Unterhaltungen, auf Lehrstühlen, Kanzeln wie auf Kirchentagen der Religion dienlicher sein als begeisterte Journalisten, die sich an ihren eigenen Produkten berauschen und so über Probleme hinwegtäuschen. Wo wären wir heute ohne die Ketzer ? -
Es ist keine Frage, dass die Religionen insgesamt und somit auch die Kirchen sich in einer tiefen Krise befinden . Deshalb ist auch eine gründliche Rückbesinnung angebracht. Alle Religionen sind unter den Bedingungen antiker Kulturen entstanden und wurden im weiteren Verlauf der Geschichte auch von dieser Herkunft bestimmt. Ihrerseits haben auch die Religionen wiederum die weitere Geschichte wesentlich beeinflusst und fast alle Lebensbereiche geprägt. Letzteres hat sich im Laufe der Neuzeit und Moderne geändert, in Europa wie weltweit. In der westlichen Welt geschah dieser Veränderungsprozess in Etappen. Ausgelöst wurde dieser Prozess durch das Entstehen der neuen Wissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert, die im Laufe der ganzen Neuzeit und Moderne immer zahlreicher wurden. Es ist müßig sie alle aufzuzählen. Die Wissenschaften führten zur Technik, und diese bestimmt unseres Leben vom Morgen bis zum Abend und auch noch in der Nacht. Ohne Wissenschaft und Technik würden viele von uns nicht leben. Wissenschaft und Technik haben unser heutiges ermöglicht und sie erleichtern es auf vielfältige Weise. Gewiss gibt es auch negative Seiten, vor allem durch die Technik. Aber was ist denn nur positiv? Trotz der negativen ökologischen und sozialen Probleme, die beide regionale wie globale Folgen haben, ist die Menschheit überzeugt, dass Wissenschaft und Technik einen Fortschritt in Richtung von Wohlstand und Freiheit für den Einzelnen wie für die Menschheit gebracht hat. Dass viele Länder noch nicht an diesem Fortschritt teilhaben, ist ein politisches Problem, das genauso lösbar ist wie die Probleme der Ökologie.
Als Schlussfolgerung aus diesem Hinweis auf die Wissenschafts- und Technikgeschichte können wir festhalten: Die Zivilisation der Neuzeit und Moderne haben die Gesellschaften als Ganzes wie den Einzelnen von vielen Daseinszwängen und Belastungen befreit und ein Leben in Freiheit ermöglicht, von dem frühere Epochen nicht zu träumen wagten. Auf dieser Grundlage konnte sich auch eine geistige Emanzipation entfalten. Diese geschichtliche Erfahrung soll auch in Hinblick auf andere Kulturen bedacht werden. Zwischen diesen und dem sogenannten Westen besteht ein erhebliches technisch-kulturelles Gefälle, das zu vielfältigen Verständnisschwierigkeiten führt. Diese zu überwinden, ist heute wie in Zukunft die Aufgabe aller.
Fragt man sich, was kann der Ausgangspunkt sein kann, damit Menschen verschiedener religiöser Kulturen sich verstehen und trotz aller Verschiedenheit eine Gemeinsamkeit des Zusammenlebens finden, so kann man gewiss allerlei große wie kleine Aktivitäten kirchlicher, staatlicher und solche von freien Organisationen anführen. Die sollen in keiner Weise herabgesetzt werden. Diese verdienen große Anerkennung. Aber das eigentliche Verstehen, das Erfahren und Begreifen, was eine ganze Kultur oder auch einen Einzelmenschen ausmacht, geschieht im Dialog. Nur ist nicht jegliches Reden ein Dialog. Was ein Dialog ist, will überlegt sein. Es ist notwendig über den Dialog zu reflektieren, weil er das eigentliche Mittel ist, menschlichem Zusammenleben die Grundlage zu geben, auf der alle weiteren ethischen Ziele verwirklicht werden können.
Zum Dialog sind alle Menschen begabt durch die Sprache.
Der Dialog kennt keine Bedingung, er selbst ist Bedingung.
Der Dialog ist immer möglich, seine Grenze ist die Sprachlosigkeit.
Dialoge werden geführt auf gleicher Augenhöhe, nicht von oben herab.
Zum Dialog gehört die Bescheidenheit, denn unser Wissen ist immer Stückwerk.
Der Dialog will nicht unbedingt überzeugen, Neugierde steht ihm besser.
Der Dialog soll hinführen zur Sache, weil sie allein entscheidet über Wahrheit und Irrtum.
Die Wahrheit ist nie unser Besitz, im redlichen Austausch können wir uns ihr nähern.
Macht und Gewalt sind Feinde des Dialogs, er allein stiftet Frieden.
Im Dialog wächst die Erkenntnis, denn alle Erkenntnis entsteht dialogisch.
Der Dialog vollendet sich im Interesse, in ihm weiß sich der Partner ernst genommen.
Durch das Interesse im Dialog wird die Toleranz zur Nähe des Miteinander.
Alle Hochreligionen existieren in Sprache. Ihre Grundlagen sind Texte, die man liest, und über die man spricht. Ihr Beten als ein Bewusstwerden ihrer selbst vollzieht sich in Sprache. Dann kann doch auch das Verhältnis der Religionen zueinander nur ein sprachliches, d.h. dialogisches sein. Was die Religionen in ihrem jeweiligen Selbstverständnis wie auch in ihrem Verhältnis zueinander – vor allem im Blick auf Zukunft - betrifft, brauchen sie ein neues Verständnis ihrer selbst, eine neue Zielvorstellung, ein n e u e s P a r a d i g m a: nicht mehr das der abgrenzenden Identität, sondern das des Gemeinsamen im Dialog.
Dieser kann immer nur Gewinn sein; denn der Dialog bereichert unsere Kenntnisse über andere Lebenswelten . Sind doch die Religionen Jahrtausende alte Lebensformen mit einer reichen Geschichte von Lebenserfahrungen. Sie kennen zulernen lässt uns tiefer begreifen, was Menschsein mit allen Idealen und Abgründen war, ist und sein kann. Hier gab es große Zeiten wie auch solche der Verflachung und des Niedergangs. Man kann erkennen, wie die Religion Menschen sowohl dumm wie auch in hohem Maße intelligent zu machen vermag.
Wenn es um die Situation der Religionen von heute geht, dann kann es sich nicht um ein reines Konstatieren dessen handeln, was in der Geschichte war und der Gegenwart ist. Die Religionen der Griechen, Römer, Ägypter und Germanen können als etwas Abgeschlossenes beschrieben werden. Sie gehören der Vergangenheit an. Geht es jedoch um die Religion heutiger Gesellschaften, dann haben wir nicht etwas Statisches vor uns. Religionen der Gegenwart sind dynamische Gebilde, sie befinden sich im gegenwärtigen Vollzug. Es geht um ein Wirken und Werden, um etwas Lebendiges, also nicht um ein „bloßes Sein“, eher um ein Sollen und Wollen. Bei allem Beschreiben ist das, worum es geht, in die Art des Beschreibens aufzunehmen, d.h. man soll die Religionen in ihrem Misslingen und Gelingen sehen. Deshalb sind sie kritisch zu sehen. Man soll sie an ihre Verpflichtungen und Aufgaben erinnern, sie messen an dem, was sie sollen und wollen. Sind sie doch ein Aufruf zur Tat.
Und das allererste, worauf sich die Religionen besinnen sollten, ist die Bereitschaft und der Schritt hin zu Dialog.
Über die Fülle der Erwartungen, national wie global, müssen wir uns verständigen, und das angesichts der Breite des Erwartungshorizontes, der Verschiedenheit der religiösen Kulturen, der Verschiedenheit der Lebensläufe und Ideologien der Beteiligten und in der Einsicht, dass wir die Gegenwart wie auch die Zukunft nur meistern können, d.h. nur zu überleben vermögen, wenn wir eine von allen akzeptierte Basis der Verständigung finden. Wie sollen wir zueinander finden, wenn wir nicht in allen Religionen die Forderung verbreiten, dass wir, statt alles Mögliche und Unmögliche zu tun, zuerst miteinander reden müssen.. Was alle ohne Vorbehalt und irgendwelche anderen Bedingungen gelten lassen können, ist die eigentlich selbstverständliche Voraussetzung, dass wir nämlich in der Weise reden, dass jeder seine Gedanken äußern darf und darin ernst genommen werden muss. Durch Miteinander-Reden lässt sich alles erreichen. Jeder kann so zu seinem Recht kommen. Wer meint, mit Gewalt könne man Recht schaffen, der redet in Wahrheit von einem Pseudorecht und fordert zu weiteren gewalttätigen Auseinandersetzungen heraus.
Der bedingungslose Dialog, der ganz unten beginnt, vermag, wenn er eine Breitenwirkung erreicht hat, den Boden für große Aktionen zu bereiten. Das ist ähnlich wie bei Städtepartnerschaften, Jugendaustausch, Brieffreundschaften und all den Aktionen, die Menschen persönlich zusammenführen. Am Ende können dann Vereinbarungen getroffen werden. Diese müssen aber untermauert werden durch vielfältige Begegnungen der Menschen, sonst „hängen die Abmachungen in der Luft“.
Das Projekt „Weltethos“, das einen Grundkonsens verbindlicher Normen und Haltungen (Frieden, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Pluralität, Solidarität, Verantwortung für Mitwelt, Umwelt und Nachwelt ) herbeiführen will, oder das “ Parlament der Weltreligionen “ mit seinem Versuch, die zentralen ethischen Grundsätze der Religionen der Welt zusammenzufassen, wie auch die „Konziliare Bewegung“ mit ihren Zielen ( Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung) , alle diese lobenswerten Bemühungen werden nur dann Erfolg haben, wenn sie über eine breite Basis eines lebhaften Dialogs der Religionen untereinander verfügen. Das erscheint so einfach, fast möchte man sagen, kindlich. Die rein humanen wie auch die religiös begründeten Forderungen, denen entsprechend man zwischenmenschliche Konflikte regeln soll, sind immer einfach. Es bedarf keiner großen Erörterung, was im Extremfall als Devise oder Maxime bestimmend sein soll: Friede, sonst nichts !- Da heute für nicht wenige Politiker – leider nicht für alle - die Gewaltvermeidung Priorität hat, ist so manche kriegerische Auseinandersetzung in unserer Gegenwart bereits vermieden worden. Gewaltanwendung ist und bleibt eine Scheinlösung, die nur für den Augenblick gilt. Verhandlungen sind immer besser. Allerdings ist der Dialog nichts für Kleingläubige.
Die Religionen können gewiss nicht die Politik ersetzen; das sollten sie auch nicht versuchen. Sie können aber ein neues Verhalten predigen, durch das Paradigma des Dialogs eine grundsätzliche Basis der interreligiösen Verständigung schaffen, oder wenigstens anfangen, so etwas anzustreben. Vielleicht sind nur die Religionen in der Lage, indem sie miteinander agieren, ein Klima zu schaffen, in dem Konflikte jedweder Art leichter zu lösen sind. Man soll ernsthaft darüber nachdenken und sie zu einem entsprechenden Handeln herausfordern. Die Religionen könnten eigentlich viel mehr für die Menschheit tun, als ihnen, wie es scheint, bewusst ist. Das Projekt „Weltethos“, die „ Konziliare Bewegung“ wie auch die kirchlichen „Denkschriften“ spielen im Bewusstsein der Religions- sowie Kirchenanhänger eine viel zu geringe Rolle., was deshalb nicht so bleiben darf, weil das eigentliche Kapital verschleudert wird. Den genannten Programmen fehlt die Diskussion über ihre jeweiligen Inhalte in den Gemeinden. Der innerkirchliche Dialog wie auch der Dialog zwischen den Religionen sind das Eingangstor für alles, was Religionen mit ihren Programmen und Zielsetzungen erreichen wollen. Das muss endlich klar werden!
Der Papst hält mit seiner Enzyklika „Deus caritas est“ einer Welt voller Gewalt die Alternative, nämlich das Gebot der Liebe als Zielvorstellung, entgegen. Auch hier gilt: als Erstes muss die Bereitschaft zum Dialog da sein. Der Dialog entsteht ganz ursprünglich in unserer menschlichen Entwicklung, die sich im Miteinander vollzieht und wesentlich eine sprachliche Gestalt hat. So hat durch die Sprache unser menschliches Miteinander einen bleibenden dialogischen Rahmen. So ist es vom Anfang unserer Bewusstwerdung bis zu ihrem Ende. Deshalb können wir jetzt einen Sprung machen und sagen: Der Dialog ist auf allen Ebenen von Gesellschaft, Religion und Politik der Ausgangspunkt für alle Aktivitäten. Erst müssen wir voneinander erfahren, was wir jeweils wollen und dann erst kommen all die hehren Ziele.
In Westeuropa ist durch die säkularisierte Sicht der Welt das Bild der Religion verblasst und ihr Einfluss auf die gesamte Kultur sehr geschwächt worden. In der gegenwärtigen Begegnung mit den vom Islam bestimmten Ländern und den bei uns lebenden Moslems wird uns die Bedeutung der Religion ganz neu bewusst. Wir werden, weil wir in arabische oder andere moslemische Länder reisen und auch hier bei uns Muslimen begegnen, gezwungen, diese in ihrem Denken zu verstehen, auch ein Interesse für sie zu entwickeln. Denn wenn man einigermaßen vernünftig zusammenleben will, dann muss man versuchen, sich in den andern hineinzudenken. So entsteht zwangsläufig der Dialog im Alltag. In diesen Dialog hat jeder Gesprächpartner etwas einzubringen. Was Vertreter außerbiblischer Religionen einzubringen haben, wollen wir ihnen nicht besserwisserisch und vorwegnehmend sagen. Dass sie Bedeutsames zu sagen haben, ist selbstverständlich. Interessierte Offenheit gegenüber dem Gesprächspartner und sich selbst in Frage stellen zu lassen, schaffen ein gelöstes Gesprächklima.
Wir haben eine lange Freiheitsgeschichte hinter uns und können in dieses Gespräch das Bild eines selbstbewussten Glaubenden einbringen. Dabei liegt der Akzent auf dem Religiös- Individuellen. Wer von uns sich so nicht sehen kann, ist noch nicht in der Gegenwart unseres westlichen Religionsverständnisses angekommen.
In den moslemischen Ländern sehen sich dagegen nicht wenige Menschen noch stark in Kollektivbezügen, sodass freiheitliche Lebensgestaltungen wie ein Ausbrechen, am Ende vielleicht sogar wie ein Verrat an der eigenen Kultur erscheinen. In einer modernen Gesellschaft lebt man mehr auf sich gestellt. Das ist nun einmal so. Ein Schritt hin zu mehr Individualität und Eigenständigkeit, auch im religiösen Selbstbewusstsein, ist im Islam nicht nur möglich, sondern heute auch schon wirklich. Moslems, die so leben, d.h. aufgeschlossen sind und freiheitlich denken, sind bei uns in den Wissenschaften, im Journalismus, im Geschäftsleben, in Dienstleistungen usw. anzutreffen. Diesen Menschen darf man nicht diskreditierende Fragen stellen. Ihnen mit Sympathie zu begegnen, schafft Integration, die ja schließlich eine Notwendigkeit für unser aller Zukunft ist. Sich auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, nicht mit dummen Fragen von vorgestern zu kommen, dabei immer bereit sein zu einem zwanglosen Gespräch, das schafft Atmosphäre für einen Optimismus mit Zukunft. Wir erwarten im Gespräch von unseren muslimischen Mitbürgern Verständnis für unsere kulturellen Gegebenheiten. Dann ist aber auch von uns eine solche Aufmerksamkeit verlangt, die wahrnimmt, dass der allergrößte Teil der bei uns lebenden Muslime – das meint, fast alle, und mehr kann man nicht verlangen - Terror radikal ablehnt, und wir und das Bild des Islam nicht von den Medien, die fast immer nur das Spektakuläre und Gewaltszenen darstellen, als die Wahrheit liefern lassen. In Bezug auf den Islam sind wir manipuliert!
Weitverbreitet ist in moslemischen Ländern dem Westen gegenüber eine ablehnende Haltung, die sich bisweilen bis zur Feindschaft steigert. Ohne Zweifel verbirgt sich dahinter neben anderem auch Angst, die Angst vor Veränderungen, und damit einhergehend, vor Verlust, was zu einem Teil ja auch zutrifft. Wissenschaft und Technik haben die Welt entzaubert und zu einem völlig neuen Verständnis der Wirklichkeit geführt. War das ganze Weltbild bis zur Aufklärung in der Neuzeit von der Transzendenz und dem, was nach dem Tode kommt, bestimmt , so danach von der Immanenz, dem Irdischen, dem gegenwärtigen Leben.. Deshalb geht es jetzt nicht mehr in erster Linie um Gott, sondern um die irdischen Dinge. Dabei haben sich auch Religion und Theologie verändert. Das Projekt „Weltethos“ wie auch die „Konziliare Bewegung“ sind dafür kennzeichnend. Ganz in dieser Linie entstand im letzten Jahrhundert so etwas wie eine „ Theologie der Genitive“, d.h. nicht so sehr Göttliches, sondern Weltliches wird religiös bedacht. So wurde entwickelt: eine „Theologie irdischer Wirklichkeiten“, eine „Theologie der Befreiung“, eine „Theologie des Laientums“ und eine „politische Theologie“. Dabei wollen diese Theologien keine Welterklärung mehr sein. Das ganze Gebiet der natürlichen Gegebenheiten ist alleine Aufgabe der Wissenschaften, welche die Zusammenhänge der natürlichen Welt auch weit besser erklären können, als dies religiöse Denkmodelle vermögen. In der Religion und Theologie von heute geht es um Fragen unserer individuellen wie kollektiven Lebensverwirklichung, d.h. um unsere Existenz, und nicht um das, was Biologie, Astrophysik und Paläontologie zu sagen haben. Die Sinnfindung ist jenseits dieser Wissenschaften angesiedelt. Es geht um die Frage unserer Endlichkeit und wie wir damit leben. Daraus ergeben sich die eigentlichen Fragen der Religion der Gegenwart wie auch die unserer Zukunft.
Aus unserer abendländischen Erfahrung, können andere religiöse Kulturkreise, hier vor allem jetzt der moslemische, erkennen, dass die unsere Säkularisation verursachenden Wissenschaften die Religion keineswegs unnötig machen, sondern nur verändern. Diese Wissenschaften bleiben notwendig und dringlich, um Aufgaben zu erfüllen wie auch Fragen zu beantworten, die eine technisierte Welt uns heute stellt. Auch der Islam ist fähig, auf dem Boden von Wissenschaft eine zeitgemäße religiöse Kultur zu entwickeln, vergleichbar der biblischen Religion mit den sie prägenden Einflüssen einer zweitausendjährigen Geschichte. Die Kulturleistungen des Islam im Früh- bis zum Hochmittelalter sind ein deutlicher Beweis für die kulturbildende Kraft dieser Religion. In der genannten Zeit verlief das kulturell-zivilisatorische Gefälle vom Morgen - zum Abendland. Muslimische Gelehrte haben die griechische Philosophie weiterentwickelt und dem Westen überliefert. In der Medizin waren muslimische Ärzte unsere Lehrmeister. Einige noch heute gebräuchliche Begriffe stammen aus dem Kulturkreis des Islam: Admiral, Alchimie/Chemie, Alkohol, Algebra, Benzin, Fakir, Haschisch, Kabel, Kaffee, Kaliber, Arsenal, Laute, Risiko, Scheck, Sirup und Zucker. Dieser oberflächliche Hinweis mag genügen. Er sei erwähnt, um den Dialog in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Auf das, was schon einmal Wirklichkeit war und deshalb heute möglich ist, sollten sich alle Muslime besinnen. Das würde ihnen helfen, ihre Religion entsprechend der heutigen Situation zu verstehen und zu leben. Und wenn heute die Muslime von uns lernen können, dann sollen sie wissen, dass wir im Mittelalter einmal von ihnen gelernt haben. Der Westen hat bei diesem Lernen im Mittelalter keinen Gesichtsverlust erlitten, und heute verlieren die Muslime, denn sie von uns lernen, d.h. in einen Dialog mit uns eintreten, auch nicht ihr Gesicht.
Wenn sich das Zusammenleben in Verschiedenheit im Alltag vollzieht, dann führt das nicht nur zu einem tieferen Bewusstwerden des eigenen Lebensverständnisses, der oder das Fremde wird in seiner Andersartigkeit geradezu interessant, und die neue Erfahrung, die ja eigentlich eine zweifache ist, kann als Bereicherung in das eigene Leben integriert werden. Angst vor Identitätsverlust ist dann geradezu lächerlich.
Gewiss ist der kulturell-religiöse Dialog, auch die alltägliche Begegnung, nicht etwas, was schon seine Erfolge zwischen zwölf Uhr und Mittag zeigt. Ein etwas längerer Atem ist hier nötig. Dennoch gilt die Erfahrung, wo Menschen, die miteinander konkrete Probleme und Alltagssorgen haben, sich gutwillig und offen begegnen, da findet gewöhnlich auch ein ehrliches Gespräch statt, so nach dem Motto,“ wir beide sind doch vernünftige Menschen und können miteinander reden und uns verstehen“, und dann spricht man zwanglos miteinander. Wenn sich Menschen in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder einfach gelegentlich begegnen und vernünftig miteinander reden, ein ehrliches Interesse füreinander zeigen, dann beginnt da ganz zwanglos ein Dialog, evtl. auch über religiöse Fragen, der zur Basis einer Religionsverständigung werden kann. Wenn diese Basis nicht von unten, d.h. durch die vielen Begegnungen geschaffen wird, dann bleiben die Dialoge auf Weltebene isoliert. Man kann auch sagen: Ohne diesen soliden Unterbau gibt es keinen Überbau.
Zugegeben, diese Sicht mag utopisch sein, sie ist aber nicht illusorisch. Alles Fundamentale und alle großen Ziele, die menschheitsbewegend sind, sind utopisch. Sie sind aber keine illusorische Phantastereien. Das Utopische bewegt uns, vielleicht sogar tief innerlich und lässt uns keine Ruhe.. Wir sind niemals am Ziel, wir besitzen nicht das, worum es geht, wir haben immer nur Teile. Gerechtigkeit, Friede, auch Demokratie, Liebe, Wahrhaftigkeit, das alles gibt es, wie es auch fehlt. Auf all das wollen wir aber keineswegs verzichten! Auch suchen wir Sinn und den in allem Unsinn. Die hehren Ziele bewegen uns, wir streben nach ihnen, versuchen sie zu erreichen. Wir besitzen sie aber nie, und wenn, eben immer nur in Bruchstücken. Die eigentlichen Ziele unseres Lebens sind wie Träume. Auch die Bergpredigt ist so ein Traum. Helmut Schmidt hat gesagt, man könne ohne sie nicht regieren. Wie wäre es, wenn wir diese Traumziele nicht hätten? Der Dialog der religiösen Kulturen ist auch ein utopisches Ziel, das um der Religion und des Friedens willen uns alle bewegen sollte. Auch hier ist es wie bei allen Utopien: Einiges erreicht man. Der Dialog ist möglich, doch Spannungen bleiben, so dass man sich immer um das Dialogklima mühen muss.
Dass es an diesem guten Willen fehlt, ist weltweit bekannt. Das muss aber nicht so sein.
Die Utopie des Dialogs als neues Paradigma führt weiter.
Die Religionen können sich verstehen und miteinander wie Partner leben. Dazu ein Beispiel, das zwar nur das Verhältnis der zwei Konfessionen, das von Protestanten und Katholiken beleuchtet, also innerhalb einer Religion bleibt, aber dennoch in etwa eine mögliche Entwicklung aufzuzeigen vermag. Es gab Zeiten, und diese sind noch nicht einmal so lange her, da gab es zwischen den beiden Konfessionen in unserem Land ganz große Berührungsängste. Diese spielen heute nur noch auf hoher und höchster Ebene eine Rolle. Trauergottesdienste sind ökumenisch. Gemeinsame Abendmahlsgottesdienste bleiben von katholischer Seite aus verboten. Wenn der Papst eine Bischöfin treffen soll, dann ist plötzlich der „kleine Unterschied“ ganz groß. Auf der Ebene der sogenannten Laien ist das vielfach ganz anders, ausgenommen sind hier die absolut konservativen Fundamentalisten. Evangelische wie katholische Christen gehen zu evangelischen wie katholischen Kirchentagen, wobei von beiden Seiten nur noch das akzeptiert wird, was dem Gottvertrauen, der Lösung der sozialen Aufgaben und dem Zusammenleben aller Christen förderlich ist. Das Religionsgespräch kennt auf der Ebene des religiösen „Normalverbrauchers“ keine typisch konfessionellen Abgrenzungen. Es gibt zwar verschiedene Akzentsetzungen, die aber meist noch nicht einmal konfessionsspezifisch sind. Auf dieser Basis hat sich alles normalisiert.
Dahin zu kommen, war für unsere Verhältnisse ein langer Prozess, der sich auf unterer und mittlerer Ebene, unterstützt von intelligenten Außenseitern, vollzogen hat. Deshalb versteht sich heute das Kirchenvolk sehr gut und hat für die sogenannten theologischen Probleme, die für Bischöfe „einen hohen Stellenwert haben“, kaum Verständnis. Sollten sich diese jetzt noch unlösbaren Konfessionsfragen einmal lösen, was nur noch eine Frage der Zeit ist, und man sich auf gleicher Augenhöhe in gegenseitiger Anerkennung begegnen, dann hat man von unten, vom „Volk Gottes“ her, gute Arbeit geleistet.
Für den interkonfessionellen Dialog war gewiss zunächst einmal der gute Wille, aufeinander zugehen zu wollen, nötig; man wollte schließlich friedlicher zusammenleben, ohne die belastenden sozialen Schranken (es sei nur erinnert an das Problem der Mischehen). Daneben entwickelte sich auch ein gegenseitiges Interesse. Man wollte sich besser kennen lernen. So entstand dann neben den ökumenischen Gesprächskreisen sogar ein neues Fachgebiet: die Kontroverstheologie. Es war gewiss nicht die schlechteste „theologische Erfindung“.
Was den alltäglich sozialen Kontakt zwischen Muslimen und Christen betrifft, so ist dieser nicht allzu verschieden von dem Verhältnis zwischen den christlichen Konfessionen in früheren Zeiten.. Da gab es auch Unterschiede in den Speisegeboten, im Karneval-Feiern, im Friedhofs- und Schulwesen sowie in der Praxis kirchlichen Lebens, anfangen beim Kirchgang am Sonntag. bis zum Feiern der Geburts- und Namenstage. Was den interreligiösen Dialog angeht, der gleich dem interkonfessionellen im Alltag stattfinden kann, so ist die Situation der Muslime und anderer Religionsgruppen ähnlich der zwischen Katholiken und Protestanten. In gewissen Bildungszentren werden mannigfache Möglichkeiten zum Dialog geboten. Weiterhin gibt es eine große Anzahl an allgemeinverständlicher Literatur über die jeweilige andere Religion. Wir müssen also, um mit Kant zu reden, nur Mut haben, unseren Verstand zu gebrauchen.
Ab- und Ausgrenzungen haben keine Zukunft mehr, dafür sorgen die zunehmende Internationalisierung und Globalisierung. Eine politisch-kulturelle Identität vermag sich da humaner, d.h. weniger krampfhaft zu entwickeln als in der vergangenen Zeit, die von aggressiver Außenpolitik beherrscht war. So haben wir heute zunehmend kein sich abhebendes, sondern ein einschließendes, d.h. eineuropäisches Nationalbewusstsein. Das ist ähnlich wie bei einem Kind, das sein Ichbewusstsein aus der Erfahrung mit dem Du im alltäglichen Gegenüber – der Mutter - gewinnt. Vergleichbares kann auch zwischen den Weltanschauungen, Religionen und Konfessionen stattfinden. Dann ist es ganz normal, dass Identität immer wieder gelebt und erfahren wird in der Nichtidentität. Und der Gedankenaustausch – die Erfahrung der Nichtidentität in der Identität - oder Dialog ist eine ganze normale Form im Miteinander des Lebens. Zwar ist die Vision für die Zukunft jetzt noch völlig utopisch, aber dennoch ist es für ein vernünftiges Denken möglich, dass der Religionsdialog von unten, wenn auch vielleicht nicht kurzfristig, aber dennoch in erlebbarer Zukunft dahin führen wird, dass Katholiken mit Protestanten und ebenso umgekehrt miteinander Abendmahl feiern. Und weshalb sollen nicht Juden mit Christen Weihnachten und Christen mit Juden Passah begehen ? Die Erinnerung an eine Befreiung aus Knechtschaft ( in Ägypten ) ist allemal eine gemeinsame Feier wert. Und wenn alle zusammen sich mit Muslimen im Fastenbrechen begegnen, lässt uns alle Solidarität erleben .Und was bringt diese Utopie für uns jetzt? Die Aussicht auf die genannte Gemeinsamkeit des Feierns verändert die Atmosphäre bei uns zum Besseren, was unbedingt notwendig ist, wie wir es täglich erleben. Dann wird das Gespräch über Parallelgesellschaften gegenstandslos.
Gewöhnlich lebt man in unserem westlich europäischen Kulturkreis, nachdem man glaubt erwachsen zu sein, nicht selten an Religion und Kirche vorbei. Hat man dann geheiratet und kommt ein Kind zur Welt, dann stellt sich wegen der Erziehung und Taufe die Gretchenfrage, wie man es mit der Religion hält? Die Frage lässt sich nicht umgehen, da wir in der Begegnung mit Muslimen ein anderes Religionsverständnis erleben, das geradezu zur Stellungnahme und Entscheidung herausfordert. Wir erfahren, dass besonders junge Muslime ihre Religion ernster nehmen als wir es gewohnt sind. Wenn nicht alles täuscht, beginnt deshalb bei uns ein erneutes Nachdenken über Religion. Und dabei zeigt sich sofort die ganze Vielfalt der Haltungen der Religion gegenüber. In die Diskussion über Sinn und Bedeutung der Religion werden wir alle hineingezogen. Als Zeitgenosse gehört man ja auch irgendwie immer dazu, sei es mitmachend, kritisierend oder ablehnend. Manche kritischen Außenseiter bewirken dann noch am meisten. Was wäre die Geschichte unserer Religion ohne die Außenseiter, früher Ketzer genannt? Sie haben nicht selten die Schwachpunkte aufgezeigt. Deshalb: In den hier anvisierten Dialog gehören alle, denen unser Zusammenleben in Gegenwart wie Zukunft nicht gleichgültig ist. Nur auf die eigenen urpersönlichen religiösen Interessen den Blick zu richten, passt nicht in unsere Zeit. Das Gesellschaftliche bis zum Globalen hin ist unsere Welt, in der und von der wir alle leben. Dabei sollte in unserem Bewusstsein das Globale gleich vor der Haustüre, sofort nebenan und im weiteren Umkreis beginnen. Wie wir das Miteinander im Großen und Kleinen gestalten sollen, müsste gerade das Anliegen derjenigen sein, denen die Religion ernst ist. Dem wollte Dietrich Bonhoeffer als achtundzwanzig jähriger junger Mann nachkommen und rief zu einem Weltkonzil des Friedens auf. Es ist nicht gleichgültig, wie wir in die Zukunft blicken. Hier ist es Aufgabe der Religionen im dialogischen miteinander Zuversicht zu verbreiten.
Die Religionen sollen und wollen das Leben in einem tieferen Sinn gestalten. Wodurch menschliches Leben universell wie individuell seine Ausrichtung und damit seinen Sinn erhalten soll, sind in guter biblischer Tradition nach Paulus: Glaube, Liebe und Hoffnung. Kann es uns Menschen in unserem Leben neben Nahrung, Kleidung und Wohnung um etwas anderes gehen als um diese Trias? Menschen, deren Leben von diesen drei Haltungen geprägt ist, werden wohl kaum unglücklich sein. Dennoch dürfte es aber angebracht sein, hier noch Kant ins Spiel zu bringen. Weshalb? In der Besinnung auf Kant wird etwas deutlich, was uns in unserem Lebensverständnis neben der Bibel ebenfalls prägt. Kant versucht, den menschlichen Vernunftgebrauch - schließlich sind wir bei aller Dummheit, dennoch eigentlich Vernunftwesen - von einem Endzweck her zu begreifen, d.h. es geht um den letzten Zweck aller menschlichen Überlegungen. Und worum geht es der Vernunft in ihren Denkbemühungen.? Man kann auch sagen, worum geht es dem Menschen, wenn man ihn als denkendes Wesen begreift? Kant nennt drei Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen.? Fasst man die drei Fragen zusammen, dann heißt das nach unserem Philosophen : Was ist der Mensch? M.a.W.: Was macht das Leben aus? . Im Sinn von Paulus könnte man sagen, durch Glaube, Liebe, Hoffnung wird man zum Menschen, biblisch gesprochen, zum Menschen nach dem „Bilde Gottes“. Dabei ist „Bild Gottes“ die Interpretation der Verwirklichungen der drei Haltungen von Glaube, Liebe und Hoffnung . Die Interpretation ist dann gleichsam das Sinnverständnis, man kann auch sagen die Sinngebung. Bei Kant fehlt diese Interpretation, da er rein philosophisch denkt. Dennoch bestehen zwischen Paulus und Kant Parallelen und Ergänzungen. Alles Erkennen und Wissen hat geglaubte Voraussetzungen und Grenzen, man kann auch sagen, sie sind miteinander dialektisch verspannt. Es gibt kein Wissen ohne Glaube. Paulus spricht die ganze Bibel auf einen Nenner bringend von Liebe. Kant sagt in seiner ethischen Forderung: Der Mensch ist Person, er hat Würde, deshalb darf er niemals zum Mittel für irgendetwas gemacht werden. Paulus wie Kant sprechen von der Hoffnung, wobei diese sich nicht nur bei Paulus, sondern auch nach Kant auf das bezieht, was Religion ist. Beide weiterdenkend kann Hoffnung human wie religiös, individuell wie universell, national wie auch global verstanden werden. Sie ist das, was uns heute alle bewegt, sei es in Zuversicht oder in Untergangsstimmung.
Was bedeutet diese etwas ungewohnte Verbindung für unseren Zusammenhang? Wenn zum Dialog der Religion alle Partner Wichtiges einzubringen haben, dann haben wir an unsere biblische wie philosophische Tradition zu erinnern. In ihr ist Raum für ein breites und weites Religionsverständnis. Von daher können wir mit Gläubigen wie mit rein humanistisch Denkenden einen Dialog führen, mit solchen, für welche die Transzendenz nur personal ist, wie auch mit religiösen Menschen aus einem Kulturkreis, in dem die Transzendenz nicht personal gesehen wird. So bietet das abendländische Erbe wegen seiner Offenheit und Allgemeinheit eine Basis für einen weltweiten Dialog, dem man sich mit vernünftigen Grün
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