Historische Musikinstrumente
Artikel (Nr.663) wurde am 12.02.2008 veröffentlicht
Das Cembalo als Rekonstruktion und Bausatz
Dem musikalisch interessierten Zeitgenossen wird es auffallen, dass neben vielen anderen historischen Musikinstrumenten gerade das
Cembalo sich wieder zunehmender Beliebtheit erfreut. Diese Entwicklung ist wohl weniger mit einer Nostalgiewelle zu begründen, als
vielmehr mit der Wiederentdeckung des originalen Klanges historischer Cembali. Warum dieser Klang für uns zunächst verloren
ging, soll ein kurzer Rückblick auf die etwa 500-jährige Entwicklungsgeschichte des Cembalos beleuchten.
Der Vorläufer des Cembalos war wohl das Psalterium. Dieses Instrument besteht aus einem Resonanzkasten, über welchen gestimmte
Saiten gespannt sind. Beim Spiel werden die Saiten mit den Fingern oder mit einem Plektrum (auch: Plektron) angezupft. Über den Steg
werden die mechanischen Schwingungen der Saiten auf den Resonanzkasten übertragen und von diesem als Schallschwingungen hörbar
gemacht.
Das erste cembaloähnliche Musikinstrument wurde geschaffen, als ein findiger Instrumentenbauer das Psalterium mit einer
Kielmechanik und einer Klaviatur ausstattete. Aus diesem Ur-Cembalo entwickelten sich dann die bekannten Cembaloformen Kielflügel,
Clavizitherium, Spinett und Virginal. Im 17. bis 18. Jahrhundert hatte das Cembalo bereits eine hohe technische Reife erlangt. Die Namen
der Cembalobauer dieser Zeit sind uns heute noch geläufig: Cristofori, Fabry, Ruckers, Silbermann, Blanchet, Taskin, Kirckmann u. v. m.
Man teilt heute die historischen Cembali grob in zwei Stilrichtungen ein.
Die italienischen Cembali zeichnen sich durch eine ganz leichte Bauweise aus. Nicht nur der etwa 2 bis 3 mm dünne
Resonanzboden, sondern auch die ebenfalls sehr dünnen Seitenwände (Zargen) des Resonanzkastens dienen der Klangabstrahlung.
Etwas robuster in der Bauweise sind die Cembali nordeuropäischen Stils. Abhängig von ihrem Herkunftsland werden sie z. B.
als flämische, französische, englische, norddeutsche Cembali bezeichnet. Mit den italienischen Cembali haben sie den sehr
dünnen Resonanzboden und den geschlossenen Resonanzkasten gemeinsam. In den unterschiedlichsten Dispositionen 8'+ 8' oder 8'+ 4'
oder 8'+ 8'+ 4' mit und ohne Lautenzug, ein- und zweimanualig hat sich hier eine Typenvielfalt entwickelt, die sich auch bei den
Bausatz-Instrumenten widerspiegelt. Im Klang sind diese Instrumente mehr singend, volltönender und länger nachklingend. Die
Gehäuse wurden gleich als formschöne Möbel mit Beinen und aufklappbarem Deckel konstruiert.
Typische Merkmale für historische Cembali und deren Rekonstruktionen sind:
Eine leichtgängige Springermechanik mit geringem Tastenhub, welche einen »prickelnden« Anschlag ermöglicht, der
rundum geschlossene Resonanzkasten (Kastenbauweise), ein ganz dünner Resonanzboden, meistens aus feinjähriger Fichte, 2 bis
3 mm stark, am Rand oft noch weiter ausgedünnt, ein geringer Saitenzug und daraus resultierend, ein sehr tragfähiger,
obertonreicher Klang, der im Bass trotzdem sehr tiefenbetont ist, so dass ein 16'-Register gar nicht erforderlich ist. Weil es am
Cembalo kaum noch etwas zu verbessern gab, viele Musiker und Komponisten aber nach einem Instrument mit mehr Möglichkeiten der
Lautstärke-Beeinflussung verlangten, wurde gegen Anfang des 18. Jahrhunderts der Hammerflügel erfunden. Es dauerte zwar
noch etwa 100 Jahre, bis dieses Instrument seine Kinderkrankheiten überwunden hatte, aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts
begann der Siegeszug des Pianoforte, wie man den Hammerflügel nun auch nannte. Im gesamten 19. Jahrhundert wurden dann fast
keine Cembali mehr hergestellt. Viele noch vorhandene Instrumente wurden vernichtet oder zu Hammerflügeln umgebaut. So konnten
die umfangreichen Erfahrungen der Cembalobauer nicht mehr weitergegeben werden.
Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwachte wieder das Interesse am Cembalo. Man verwendete dafür jetzt auch Bauelemente, die
sich im modernen Klavierbau bewährt hatten wie:
Metallrahmen mit dicken, vorgespannten Resonanzböden (Rastenbauweise), Stahlsaiten, zum Teil umsponnen, mit immer höherer
Saitenspannung. Es wurden neue Springer und Kiele aus Metall entwickelt mit schwergängiger, träger Mechanik. Auch die als
Hausinstrumente gebauten neuen Cembali wurden dann mit diesen modernen Bauteilen ausgerüstet.
Alle diese Neuerungen wirkten sich jedoch nicht vorteilhaft auf die Klangqualität dieser Instrumente aus. Musiker bezeichneten sie
als Zupfklaviere, und es gab nur wenige Interpreten, die gerne darauf spielten. Trotzdem wurden bis fast zum Ende des 20. Jahrhunderts noch
Cembali in dieser Ausführung produziert und verkauft.
Inzwischen entdeckte man jedoch in Museen und Sammlungen wieder einige historische Cembali und Spinette. Von umsichtigen Klavierbauern
restauriert und spielbar gemacht, erregten diese Instrumente mit ihrem Wohlklang das Interesse vieler Interpreten und Musikfreunde. Durch
dieses Interesse angeregt, begannen einige Instrumentenbauer die alten Cembali originalgetreu zu kopieren.
Wie bereits angedeutet, wird ein Cembalo durch Anzupfen seiner Saiten zum Klingen gebracht. Da diese Anzupf- oder Anreißmechanik
sehr wichtig für das Verstehen des Cembalos ist, soll sie hier noch kurz erläutert werden. Auf dem hinteren Ende des Tastenhebels
steht, in senkrechter Richtung frei beweglich, der Springer, der im Springerrechen geführt wird. Im Ruhezustand der Taste liegt der
Springer mit seinem oben angebrachten Dämpfungsfilz auf der Saite und verhindert so deren Nach- und Mitklingen. Wird die Taste
heruntergedrückt, so wird der Springer angehoben und hebt zunächst die Dämpfung auf. Außerdem greift der Kiel
unter die Saite und versucht, diese mit nach oben zu nehmen. Schließlich gleitet die Saite am elastischen Kiel vorbei
(Anreißwirkung) und kann frei schwingen. Wenn nun die Taste wieder losgelassen wird, kehrt sie mit dem Springer wieder in die
Ruhelage zurück. Dabei verhindert die mit dem Kiel zurückfedernde Zunge, dass die Saite durch den Kiel erneut angezupft wird.
Der Dämpfungsfilz legt sich auf die Saite und dämpft die Saitenschwingungen wieder ab. Man erkennt hieraus leicht, dass durch
die Anschlagstärke nicht die Lautstärke des gespielten Tons beeinflusst werden kann. Die Farbigkeit des Cembalospiels wird u. a.
durch die Stufendynamik erreicht, einem Zu- und Abschalten von Saitenchören mit anderen Klangfarben und Lautstärken.
Die Spielbarkeit und einwandfreie Funktion eines Cembalos ist stark von der Qualität der Springer abhängig. Während
bei historischen Instrumenten die Springer ausschließlich aus Holz hergestellt wurden, hat sich bei den rekonstruierten Instrumenten
der Kunststoff-Springer allgemein durchgesetzt. Das wird den unbefangenen Leser zunächst etwas verwundern. Aber auch den
Instrumentenbauern ist es nicht leicht gefallen, sich hier vom historischen Material »Holz« zu trennen. Man ist hier nach
vielen Versuchen zu dem Schluss gekommen, dass es heute einem Spieler nicht mehr zugemutet werden kann, sich vor jedem Spiel mit dem
Nachjustieren der Holzspringer und dem Zuschneiden von Rabenfeder-Kielen zu plagen - ganz abgesehen von der Schwierigkeit heute,
geeignete Rabenfedern zu beschaffen. So wird auch der Kiel heute meistens aus Kunststoff hergestellt. Da die Beschaffenheit des
Kiels stark die Klangfarbe der gezupften Saite beeinflusst, ist es erfreulich, dass Kunststoff-Kiele etwa die gleiche klanggebende
Wirkung besitzen wie Rabenfederkiele, mit dem Vorteil einer mehrfachen Lebensdauer. Beim Springer sind die folgenden Eigenschaften
des Kunststoffs ausschlaggebend: Gute Formbeständigkeit, geringes Gewicht, durch glatte Oberfläche wenig Reibungswiderstand
im Springerrechen und keine nennenswerte Abnutzung.
Weil all diese Instrumente fast ausschließlich in Handarbeit hergestellt werden, können sich nur prominente Musiker
diese teueren Rekonstuktionen leisten. Deshalb hat sich ein interessanter Markt an Bausatz-Anbietern entwickelt, die Instrumente
in verschiedenen Fertigungszuständen herstellen: Das reicht von Bauteil-Zusammenstellungen mit Bauanleitung und Plänen
bis zum fast fertigen Instrument, das nur noch bemalt, besaitet und gestimmt werden muss.
Wer sich für den Nachbau von diesen und vielen anderen historischen Musikinstrumenten interessiert, findet in der seit fast 25
Jahren erscheinenden Zeitschrift INSTRUMENTENBAU REPORT eine Fülle von Tipps, Adressen und Erfahrungsberichten. Wilhelm Erlewein
Die Internet-Adresse lautet: www.musikinstrumente-selbst-bauen.de
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